Der fakultative Omnivor

Ist ein Hund ein Carnivor? In der Fachliteratur wird dies zumindest nach wie vor behauptet. Doch seit geraumer Zeit sind einige Menschen fest davon überzeugt, unsere geliebten Vierbeiner wären längst zu Omnivoren mutiert. Als Grund führen sie die Domestizierung durch den Menschen an. Zu jenen Thesenstellern zählen sogar zunehmend Tierärzte. Doch auch unter den Hundefütterern allgemein gibt es viele Vertreter dieser Ansicht. Nur, wer hat denn nun Recht?

Futterblatt-fakultativer-Omnivor

Hunde sind Schweine

Ja, richtig gelesen, Hunde sind Schweine. Seit Jahrtausenden leben sie bereits an der Seite des Menschen und diese Lebensgemeinschaft über einen derart langen Zeitraum hat Spuren hinterlassen. Der Mensch ernährt sich schon immer relativ pflanzenlastig. Hauptgrund hierfür dürften Risiko, Energieaufwand und Kosten sein, welche Mahlzeiten tierischen Ursprungs nicht zur Basisnahrung werden ließen. Natürlich teilt der Mensch mit seinem Partner Hund auch seine Nahrung regelmäßig und ein wohlernährter Hund arbeitet logischerweise auch besser. Der menschliche Einfluß auf die Ernährung des Hundes wird von einigen Forschern als Ursache für eine ihrer Entdeckungen betrachtet. Sie fanden nämlich heraus, daß Hunde mehr Kopien bestimmter für die Kohlenhydratverdauung mitverantwortlicher Gene besitzen als Wölfe. Wölfe gelten als Urvater des Haushundes. Damit ist offensichtlich, der Hund stammt vom Wolf ab und ist durch die Einflüsse der Menschheit mit der Zeit vom Carni- zum Omnivoren mutiert. Kurz, euer Hund ist ein Schwein. Sozusagen.

Die Carni-Omni-Exkursion

Bevor wir uns nun weiter dem Einfluß des Menschen auf die hundische Ernährung widmen, begeben wir uns kurz auf eine kleine Exkursion in die Fachsprache. Es ist auch nicht kompliziert, versprochen, bloß ein wenig trocken. Vielleicht holt ihr euch daher vor dem Weiterlesen schnell ein Glas Wasser.

Das Wort Carnivor setzt sich aus zwei lateinischen Wörter zusammen. Zum einen wäre da caro, zum anderen vorare. Vor allem die medizinische Fachwelt bevorzugt jedoch lateinische Genitive., daher setzt sich Carnivor aus carnis (Genitiv von caro) und vorare zusammen. Carnis bedeutet, den Genitiv kurz ignorierend, Fleisch. Vorare heißt übersetzt verschlingen oder auch gierig fressen. Ein Carnivor ist also ein Fleischverschlinger, ein Fleischfresser.

Auch das Wort Omnivor setzt sich aus zwei lateinischen Worten zusammen. Vorare kennt ihr bereits, also gucken wir uns direkt das omni an. Omni stammt vom omnis, welches mit alles übersetzt wird. Ein Omnivor ist ergo ein Allesfresser.

Da sich die Tierwelt, gröber betrachtet, in drei ‚Verschlingerarten‘ unterteilt, laßt uns auch noch einen dritten Schlinger betrachten, den Herbivoren. Herbivor, ihr erahnt es, besteht nämlich ebenfalls aus zwei lateinischen Wörtern. Vorare kennt ihr inzwischen in- und auswendig, herbi stammt von dem Wort herba. Es bedeutet Kraut, Heilkraut, Blatt, Gras, Pflanze und so weiter. Was ein Herbivor demnach ist, muß an dieser Stelle vermutlich nicht mehr erwähnt werden.

Vegane Carnivoren

Bei Carnivoren unterscheidet man üblicherweise zwischen obligaten und fakultativen Carnivoren. Obligat bedeutet verpflichtend, fakultativ freigestellt.
Eine Katze ist zum Beispiel auf eine fleischbasierte Ernährung zwingend (obligat) angewiesen, um gesund zu bleiben zu können. Dennoch vermag sie zumindest sehr geringe Mengen pflanzlicher Kost unbeschadet zu überstehen. Der Grund hierfür sind ihre natürlichen Beutetiere. Eine Maus beispielsweise hat im Angesicht ihres samtpfotigen Lebensendes eher selten Gelegenheit nochmal schnell zur Toilette zu eilen.
Der Hund, welcher in der Regel als fakultativer Carnivor bezeichnet wird, verkraftet hingegen bedeutend mehr solch veganer Nahrungsbestandteile als eine Katze. Seine Beutetiere sind üblicherweise nämlich schlichtweg größer und somit auch deren Verdauungstrakt. Je größer der Verdauungstrakt, desto mehr Platz für Inhalt, logisch. Weder Katze, noch Hund zählen Carnivoren zu ihren natürlichen Beutetieren. Sie sind grundsätzlich auf andersartige Beute spezialisiert.
Nun besagt der Begriff fakultativ aber ja, daß der Hund nicht auf eine bestimmte Nahrung angewiesen ist, sondern wählen kann. Rein theoretisch könnte ein Hund demnach möglicherweise sogar pur vegan ernährt werden, ohne dadurch gesundheitlichen Schaden befürchten zu müssen.

Das Gen Amy

Aus einer verhältnismäßig aktuellen Studie geht hervor, daß einer der genetischen Unterschiede von Wolf und Hund die Kohlenhydratverdauung betrifft.
Stärke befinde sich ausschließlich in pflanzlicher Kost und besonders reichhaltig in Getreide und Kartoffeln. Auch Tiere (und einige Pilze) enthalten etwas ähnliches wie Stärke, nämlich Glycogen. Beides sind sogenannte Polysaccharide (Mehrfachzucker) und zählen somit zu den Kohlenhydraten. Es handelt es sich bei beiden quasi um Energiespeicher des Körpers, einen für Tiere (und einige Pilze), einer für Pflanzen. Doch zurück zum genetischen Unterschied von Hund und Wolf.

Forscher fanden in jener Studie nämlich, neben anderem, heraus, daß Hunde im Vergleich zu Wölfen mehr Kopien eines bestimmten Genes besitzen. Dieses Gen namens AMY2B ist mitverantwortlich für die Kohlenhydratverwertung im Körper. Als ursächlich wurde die Ernährung von Hunden mit kohlenhydratreichen Abfällen durch den Menschen während der Domestizierung angenommen. Der Name des Genes ist übrigens keinesfalls zufällig gewählt, denn es ist das Verdauungsenzym Amylase, welches die Kohlenhydratverwertung erst möglich macht.

Sein Leben an der Seite des Menschen über Jahrtausende hinweg, hinterließ selbstverständlich Spuren. Die Genetik beweist, er ist sogar befähigt Kohlenhydrate zu verwerten. Damit scheint die Sache eigentlich klar, der Hund ist wohl tatsächlich ein Omnivor.

(Quellen: „The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet“ (2013): Erik Axelsson, Abhirami Ratnarkumar, Khurram Maqbool, Matthew T. Wester, Michele Perloski, Olof Liberg, Jon M. Arnemo, Ake Hedhammer, Kerstin Lindblad-Toh;
„Amylase activity is associated with AMY2B copy numbers in dog: implications for dog domestication, diet and diabetes“ (2014): Maja Arendt, Tove Fall, Kerstin Lindblad-Toh, Erik Axelsson; Annika Appel
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